Gesundheitsmagazin
Auf einen Blick
Gesunde Rituale

Gesunde Rituale — ein Plädoyer

„Ein Ritual ist in der Zeit das, was im Raum eine Wohnung ist“ (Antoine de Saint Exupéry). Wie ist das aus gesundheitlicher Sicht zu verstehen? Informationen rund um den menschlichen Körper und die Gesundheit — erklärt von Prof. Dr. Curt Diehm.

 

Viele Menschen mögen keine täglichen Routinen, weil diese abstumpfen, unflexibel machen und auch als ein bisschen spießig gelten. Dennoch empfehle ich meinen Patienten, gesunde Dinge als Rituale in ihrem täglichen oder wöchentlichen Ablaufplan fest zu integrieren. Einfach deshalb, weil bei Ritualen die sogenannte Adhärenz besser gegeben ist. Unter Adhärenz verstehen Mediziner die Frage, wie regelmäßig Patienten die vorgeschlagene Therapie auch wirklich anwenden. Wir wissen beispielsweise, dass viele Kranke ihre Medikamente nicht wie mit dem Arzt vereinbart einnehmen.

Wer im Alter die Kalorien deutlich reduziert, verbessert sein Gedächtnis. Dies haben Wissenschaftler der Universität Münster in einer Studie bei menschlichen Probanden festgestellt. Das bestätigt Erkenntnisse aus Tierversuchen. Eine erhöhte Zufuhr ungesättigter Fettsäuren (zum Beispiel in Nüssen und Olivenöl sowie in Fisch) brachte – entgegen vorheriger Versuchsergebnisse bei Tieren – keine Besserung der Erinnerungsfähigkeit. Die Wissenschaftler aus Münster untersuchten 50 Probanden im Durchschnittsalter von 60 Jahren. Sie teilten die Probanden in drei Gruppen auf. Die erste Gruppe musste die tägliche Kalorienzufuhr um ein knappes Drittel (30%) reduzieren. Die zweite Gruppe sollte bei gleich bleibender Kalorienzufuhr den Anteil ungesättigter Fettsäuren in der Nahrung um 20 % erhöhen. Die dritte Gruppe änderte die Ernährung nicht und diente als Kontrollgruppe. Nur in der ersten Versuchsgruppe mit einer Reduktion der Kalorienaufnahme besserte sich das Erinnerungsvermögen. Die Diätgruppe verzeichnete um 20 Prozent bessere Werte beim Merken einer Liste von Wörtern. Die Wissenschaftler sprachen bei dieser Gruppe von „Hirn-Diät“. Die Probanden dieser Gruppe zeigten darüber hinaus niedrigere Insulinwerte und geringere Entzündungsparameter. Diät scheint für das Gedächtnis besser zu sein als Fisch und Nüsse!

 

Bei Ritualen ist das anders. Hat ein sinnvolles und gesundes Verhalten einmal „Ritual“-Charakter, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es auch regelmäßig angewandt wird. Rituale besitzen einen hohen Symbolgehalt.

 

Wir wissen auch, dass es durchschnittlich 30 Tage dauert, bis eine bestimmte Verhaltensänderung zur Gewohnheit beziehungsweise zum Ritual wird. Mir gefällt das Ritual-Konzept auch besser wie der Ansatz, sich gute Vorsätze zu Recht zu legen. Vorsätze fühlen sich immer auch ein wenig nach Zwang an, bei Ritualen schwingt immer mit, dass man Sinnvolles auch gerne tut.

 

Es sind also wichtige alltägliche Rituale, die uns lange gesund halten können. So verstanden sind Rituale wichtige Koordinaten im Tagesablauf. Sie stabilisieren uns und geben uns einen magischen Halt und Orientierung in einer schnelllebigen und hektischen Zeit.

 

Gesunde Rituale, wenn auch scheinbar klein und unbedeutend, sind heute eine echte Chance, lange körperlich und geistig fit zu bleiben. Pflegen Sie deshalb Rituale: sie bringen Ordnung, Ruhe und Klarheit in Ihr Leben.

 

Hier eine Liste möglicher gesunder Rituale:

 

  • Achtsam eine Tasse Tee zubereiten
  • eine Tasse Tee oder Kaffee in Ruhe morgens beim Zeitungslesen trinken
  • ein Spaziergang im Wald oder im Park zu einer festen Zeit
  • Regelmäßige Saunabesuche
  • Sport zu bestimmten Zeiten, etwa die Spinning-Stunde am Morgen im Fitness-Studio oder einmal die Woche Tennis zu einer festgelegten Uhrzeit
  • Ein Apfel pro Tag
  • Ein Abendessen an einem bestimmten Tag pro Woche ausfallen lassen
  • An bestimmten Tagen auf Fleisch verzichten
  • Einmal pro Woche einen kompletten Fastentag einlegen, generell abends ab 17.00 Uhr auf jegliche Kohlenhydrate verzichten
  • Bewusst Festtage zelebrieren
  • Balanceübungen auf dem Wackelbrett beim Zähneputzen
  • Ein kleines Glas Rotwein am Abend trinken
  • Wer schlecht schläft, sollte einen fixen Ablauf für die letzten Handlungen vor dem zu Bett gehen einüben

 

Gesunde Rituale führen also nicht nur zu einer Verminderung von Krankheitsrisiken, sondern sie verbessern auch signifikant die Lebensqualität.

 

Der Hirnforscher Ernst Pöppel rät zur Ritualisierung: „Der Tag an sich muss inszeniert werden. Man muss sich einfach angewöhnen, bestimmte Dinge an bestimmten Tagen zu erledigen. Schließlich essen, arbeiten und schlafen wir auch zu bestimmten Zeiten, ohne darüber nachzudenken. Sport muss so selbstverständlich werden wie Zähneputzen und Frühstücken“.

 

Der Soziologe Karl Gabriel definiert Rituale als „stilisierte, wiederholbare Handlungen an den typischen Übergängen und Brüchen des modernen Alltags“.

 

Mit dieser Definition fasst Gabriel alle wissenschaftlichen Zugänge zusammen. Rituale sind gesunde Gewohnheiten für die Seele. Die Seele des Menschen wohnt in Gewohnheiten. Rituale geben der Seele eine Heimat. Es sind gesunde Gewohnheiten für das Denken, Fühlen, Wollen und Entscheiden. Rituale geben dem Menschen Sicherheit, weil sie ihm vertraut sind und eine Art Gerüst geben. Daher ist es sinnvoll, Gewohnheiten für sich zu entdecken und zu pflegen.

 

Alltagsrituale können gerade auch bei psychosomatischen Krankheiten eine wichtige Rolle spielen. Sie steigern die Achtsamkeit und führen zu mehr innerer Ausgeglichenheit. Sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern mit ADHS spielen Mini-Auszeiten eine wichtige Rolle. Gerade bei Kindern gilt: lieber Rituale als Ritalin.

 

Unterschätzen wir also die Macht der Rituale nicht. Als Spielregeln des Lebens können sie uns sowohl im Alltag als auch bei der Bewältigung existenzieller Probleme Hilfe leisten. Wir brauchen gesunde Rituale, um gesund zu bleiben!


Dieser Artikel erscheint auch in der Kolumne „Gesund mit Diehm“ auf www.gesuendernet.de, die Prof. Dr. Curt Diehm wöchentlich schreibt.

 

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